Günter Overmann
 Günter Overmann

 

 

„Sie?“

„Überrascht?“ Sie hätte nicht fragen müssen. Man sah es ihm an. Die Augen des alten Mannes – noch immer stahlblau, der Blick wach, aufmerksam, stechend – blinzelten einen Moment lang verwirrt, bevor er die gewohnte Selbstsicherheit zurückgewann.

„Wären Sie das nicht an meiner Stelle? Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns noch einmal begegnen.“ Der alte Mann lächelte. Verbindlich, undurchdringlich. Bewegte sich aber nicht. Stand in der Haustür, die Klinke in der Hand, als würde er sich darauf stützen. Was er nicht tat, wie Sabine wusste. Er brauchte zwar zum Gehen einen Stock, stand aber ohne Hilfe.

Sabine lächelte ebenfalls, versuchte, eine Maske aufzusetzen. Wusste nicht, ob es ihr gelang. „Vielleicht. Wahrscheinlich. Darf ich trotzdem eintreten, Herr Westerhoek?“ Sie spürte, wie Westerhoeks Augen sie musterten. Fühlte sich nackt, wäre am liebsten umgekehrt. „Sie zögern. Kann ich verstehen. Wenn ich lieber gehen soll...?“

„Nein, kommen Sie, Frau...? Entschuldigen Sie, ich bin ein alter Mann. Ich habe Ihren Namen vergessen.“

„May. Sabine May.“

Der Alte nickte. „Kommen Sie...“

Er drehte sich um, ging ins Haus, ohne sich darum zu kümmern, ob Sabine ihm folgte oder nicht. Oder, wahrscheinlicher, er war sicher, dass sie es tat.

Sie sah sich um, während sie hinter ihm die Diele betrat, einen weiten, lichten Raum, der größer aussah, als er wirklich war. Die Wände aus blassgelbem Sandstein, der Boden bedeckt mit tiefroten Ziegeln, links eine Nische für die Garderobe, rechts eine einfache Tür aus dunkel gebeiztem Holz, die Gäste-Toilette. Sonst nichts. Keine Bilder, keine Pflanzen, nur an den gegenüber liegenden Wänden zwei Bänke, ebenfalls aus Sandstein. Alles vollkommen symmetrisch, aber im Gegensatz zu den Räumen seiner vom Bauhaus inspirierten Kollegen wirkte dieser warm, weich, die Ordnung nicht steril. Eines der Markenzeichen des Architekten Westerhoek.

Keine Fenster in den Wänden, aber dennoch war es hell. Tageslicht, wie Sabine wusste. Inzwischen war sie vorbereitet. Sie schaute hoch, Fensterbänder schlossen an drei Seiten hoch oben direkt unter der Traufe die Wände ab. Darüber der offene Dachstuhl des berühmten schwebenden Dachs; so genannt, weil es durch das Fensterband aussah, als hätte es keine Verbindung zur Mauer. Und das Licht, das durch diese Fensterbänder fiel, zeichnete je nach Tages- und Jahreszeit unterschiedliche Schatten auf die Wände; ein Kniff, mit dem Wester­hoek seinen schweren, wuchtigen Gebäuden Leichtigkeit, Schwerelosigkeit verlieh; eine fast tänzerische Unbeschwertheit, die in seltsamen Kontrast stand zu der militärischen Strenge, mit der der Architekt trotz seines steifen Knies vor Sabine herschritt.

Sie gingen durch das Atrium – Westerhoeks Wohnhäuser waren alle im römischen Stil um einen – hier japanisch – bepflanzten Innen- und Lichthof herum gebaut, sodass sie sich nach außen, zur Straße hin, wie Burgen abschließen konnten mit nur wenigen Fenstern, die eher Schießscharten glichen. Alles war vertraut, Sabine hatte das Gefühl, sich auszukennen, schon einmal hier gewesen zu sein. Was sie nicht war, sie hatte nur Fotos gesehen, viele Fotos.

Der Architekt führte Sabine in einen Raum, den man wohl am ehesten als Bibliothek bezeichnen konnte. Auch hier bestanden die Wände aus Sandstein, der Boden aus Ziegeln, doch von Wänden und Boden war kaum etwas zu sehen. Drei der Wände waren bedeckt von umlaufenden Bücherregalen, die bis zum auch hier wiederkehrenden Fensterband reichten, das Holz der Bretter ebenso dunkel gebeizt wie das der Tür in der Diele, die Streben heller, rötlicher, wiederum um dem Regal die Schwere zu nehmen. Die vierte Wand war aus Glas, öffnete den Raum zum Atrium.

Der Boden war bedeckt mit farbigen Teppichen, die nach Sabines Eindruck aus Nordafrika stammten, aber sicher war sie sich da nicht. An einem Ende des Raumes stand ein mit Leder bezogener Schreibtisch, der peinlich aufgeräumt war, Papiere und Stifte lagen exakt parallel zur Tischkante, die Stifte waren zudem nach dem Farbspektrum geordnet. Am anderen Ende des Raumes zwei Sessel, ein Tischchen, eine Stehlampe. Alles aus den zwanziger Jahren, wie Sabine schätzte. Vielleicht auch aus den Dreißigern – ja, wenn sie genau hinschaute, schien es ihr, als habe sie solche Möbel schon auf Bildern, in Filmen aus der Nazizeit gesehen. Für einen Moment verweilte ihr Blick auf den Möbelstücken, wie ein Blitz schoss ein Bild durch ihr Hirn: Westerhoek als junger Mann in schwarzer Uniform, wie er an dem Tisch steht.

Für den Moment verlor sie sich in ihrem Blick, verlor sie sich in der Hoffnung, der Illusion, dieses Bild könnte wirklich sein, doch der Architekt holte sie aus ihren Gedanken, bot ihr mit einer Geste Platz an und fragte, ob sie etwas trinken wolle. „Tee, Kaffee, Wasser?“

„Machen Sie sich keine Umstände.“

„Es macht keine Umstände. Ich sage meiner Haushälterin, was sie bringen soll, und sie tut es. Dafür wird sie bezahlt.“

„Gut, dann ein Wasser bitte.“

„Nicht lieber etwas Stärkeres?“

„Nein, danke.“ Westerhoek hob leicht die Augenbrauen angesichts der Heftigkeit, mit der Sabine ablehnte, nickte dann aber nur kurz und ging, um der Haushälterin Bescheid zu sagen. Sabine setzte sich. Schloss die Augen. Leichter Schwin­del erfasste sie, als ob sie seit langer Zeit zum ersten Mal wieder geraucht hätte. Aber es war nicht Niktotin, das den Schwindel auslöste, auch wenn der Raum deutlich nach Wester­hoeks Zigarillos roch. Sie hatte nur nicht damit gerechnet, eingelassen zu werden; wusste plötzlich nicht mehr, warum sie hier war. Hatte keine Ah­nung, was sie sagen sollte.

Westerhoek kam zurück, setzte sich zu ihr, und für den Moment spürte man sein Alter. Mit seinem steifen Knie hatte er sich, auch als er noch jünger gewesen war, nicht in einer flüssigen, eleganten Bewegung setzen können. Aber jetzt war es ein Kraftakt. Westerhoek stützte sich mit beiden Armen auf die Lehne des Sessels, drehte sich mühsam, fiel dann im Drehen fast in den Sessel. Stöhnte. Lächelte entschuldigend. „Materialermüdung. Das gesunde Knie macht langsam auch nicht mehr mit. Es musste ja auch über viele Jahre all die Arbeit tun. Manchmal ist es schon eine Last, so alt zu werden wie ich.“

Eine Last, die man ihm nicht ansah. Das Haar war zwar weiß, aber voll. Das Gesicht bedeckt von Falten, aber braun. Vital. Das leicht hervorstehende Kinn machte einen genauso energischen, unternehmungslustigen Eindruck wie Sabine es von Fotos aus den Fünfziger Jahren kannte; die große Nase, die buschigen Augenbrauen verliehen dem Gesicht nach wie vor etwas Adlerartiges, so, als ob Westerhoek trotz seiner fast vierundneunzig Jahre jederzeit vom Himmel herabstoßen und zuschlagen könnte.

Er trug, außer zum Lesen, keine Brille und, soweit Sabine erkennen konnte, auch keine Kontaktlinsen. Schien bis auf die Athritis gesund zu sein. War noch immer eine imposante Erscheinung, fast zwei Meter groß, nicht dick, nicht mager. Gekleidet in die, wie Sabine es nannte, Architekten-Uniform: einen schwarzen Anzug, der bei Westerhoek einen leicht chinesisch anmutenden Schnitt hatte, mit grauem Rollkragenpullover. Dazu blank gewienerte schwar­ze Schnürstiefel.

Sein entschuldigendes Lächeln erlosch. Nach einem Moment setzte er an, das gesunde Bein über das steife zu schlagen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne, unentschlossen, ob er dem Schmerz trotzen und weitermachen sollte. Doch der Schmerz war zu stark, Westerhoek gab auf. Und hockte anschließend da, fast ein wenig resigniert, die Beine nebeneinander, die Hände auf den Knien, wirkte ein bisschen wie ein Schuljunge.

„Ich muss Sie wohl nicht fragen, was Sie zu mir führt.“ Westerhoek drehte sich zu Sabine, schaute sie an. Auch die Drehung fiel ihm nicht leicht, verursachte offensichtlich Schmerzen. Sabine schwieg. Brachte keinen Ton heraus. Es war eine spontane Idee gewesen, hinaus zu Wester­hoek zu fahren. Eine Idee, die sie jetzt schon bereute. Westerhoek schaute sie an und wartete.

„Warum haben Sie mich eingelassen?“ Sie bemühte sich, die Verzweiflung, die Hilflosigkeit in ihrer Stimme unter Kontrolle zu halten. Spürte aber gleichzeitig, wie wenig es ihr gelang.

„Sie standen vor meiner Tür und haben mich darum gebeten.“ Sabine meinte, Spott zu hören. „Sie wollen etwas mit mir klären. Also?“ Westerhoek wurde ungeduldig. „Ich bin zu alt, um lange zu warten. Und auch zu alt für überflüssige Höflichkeit.“

Sabine schaute zur Tür in der Hoffnung, die Haushälterin käme mit den Getränken und würde ihr Gelegenheit geben, ihre Gedanken zu ordnen. Doch nichts.

„Wollen Sie sich bei mir entschuldigen?“, fuhr der alte Mann fort. „Nicht nötig. Mir ist ja nichts passiert.“

„Mich bei Ihnen entschuldigen?“ Wie eine Blöde wiederholte sie, was er gesagt hatte. Schüttelte energisch den Kopf. Zögerte. Schaute ihn dann an. „Das sollte ich wohl...“

„Aber Sie meinen es nicht ernst? Sie denken immer noch, ich wäre schuldig?“ Er schaute sie an und zwang sie, ehrlich zu sein.

„Ja.“ Mehr vermochte sie nicht zu sagen.

Westerhoek nickte langsam. „Und was erwarten Sie jetzt von mir? Ein Geständnis?“

„Das werden Sie mir kaum geben, oder?“

„Wenn es etwas zu gestehen gäbe, Sie wären die Erste. Das verspreche ich Ihnen. Aber so leid es mir tut: Es gibt nichts zu gestehen.“ Jetzt wurde er auch noch charmant. Mitleidig. Onkelhaft.

Da kam zum Glück die Haushälterin und servierte Getränke.

Als sie wieder gegangen war, hatte Sabine sich so weit beruhigt, dass sie wieder sprechen konnte. „Selbstverständlich gibt es etwas zu gestehen. Sie heißen in Wahrheit nicht Clemens Westerhoek, Sie wurden nicht am 14. Februar 1915 geboren. Sondern Sie sind Friedrich Schorr. Ehemals SS-Sturmbannführer. Geboren ein gutes Jahr später. Am 27. März 1916.“

„Dadurch, dass Sie die Behauptung wiederholen, wird sie nicht richtiger.“ Westerhoek blieb ruhig. Überlegen. Sabine kaute an ihrer Unterlippe.

„Es war nicht mein Fehler“, fuhr der Architekt fort, „dass Sie Ihre Stelle verloren haben.“ Er lächelte verbindlich. „Ich verstehe ja, dass Sie sich Hoffnungen machen, sie wiederzubekommen, wenn Sie nachweisen können, dass Sie Recht hatten und ich doch schuldig bin. Aber Sie verrennen sich. Sie sind auf dem Holzweg.“ Die Sachlichkeit, mit der Westerhoek ihre Lage analysierte, traf Sabine. Brachte sie zur Verzweiflung.

„Ich werde es nachweisen. Verlassen Sie sich drauf.“

„Wohl kaum.“

„Vielleicht habe ich die Beweise ja schon zu Hause. Und möchte jetzt nur eine Stellungnahme von Ihnen.“ Ein Schuss ins Blaue. Den sie, wie sie auch sehr genau wusste, besser nicht abgab. Denn Westerhoek schoss zurück. Er winkte ab.

„Wenn Sie Beweise für meine Schuld hätten, wären Sie nicht hier.“ Westerhoek zuckte mit den Achseln, trank einen Schluck. Die Haushälterin hatte ihm Kaffee und Cognac gebracht. „Sie haben es versucht, aber Sie haben nichts gefunden. Sonst wären Sie direkt zu Ihren Freunden vom Fernsehen gelaufen. Oder zu der Zeitung mit den großen Buchstaben, falls ich für die interessant genug bin. Aber egal, wo: Sie hätten mich enttarnt. Da Sie das nicht tun...“ Er ließ den Satz offen, schmunzelte leicht. Und Sabine hatte das Gefühl, er machte sich lustig über sie. Aber gleich darauf wurde er wieder ernst. „Sie haben einfach schlampig recherchiert. Sie, oder einer Ihrer Mitarbeiter. Akzeptieren Sie das. Finden Sie sich damit ab. Je eher Sie das tun, desto besser.“

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© Günter Overmann